Der Schüssel zur Innovation

Der Schüssel zur Innovation

MARKUS HENGSTSCHLÄGER IST UNIVERSITÄTSPROFESSOR UND BESTSELLERAUTOR. IM GASTBEITRAG FÜR DEN FLATBLOG ERKLÄRT ER, WARUM DIE ORIENTIERUNG AM DURCHSCHNITT EINE EVOLUTIVE SACKGASSE IST.

Ob Industrie 4.0, Migration oder der aktuelle amerikanische Präsident – Wirtschaftsbedingungen unterstehen heute einem permanenten und schwer vorhersehbaren
Wandel. Um für einen sich immer rascher ändernden Markt gerüstet zu sein, müssen Innovationen ständig neue Wege eröffnen. Wer einen neuen Weg gehen will, muss (s)ein Talent nutzen, um den alten Weg zu verlassen.

Einerseits ist der Mensch nicht auf seine Gene reduzierbar. Er ist das Produkt der Wechselwirkung zwischen Genetik und Umwelt. Andererseits: Werden zwei Menschen, die genau gleich viel üben, das gleiche künstlerische Niveau auf der Violine erreichen? Kann jeder Mensch singen wie Elina Garanca oder Placido Domingo ? Ist es nur eine Frage des Übens und Lernens?
Kann jeder am Ende Fußballspielen wie Lionel Messi, wenn er nur gleich viel und hart trainiert? Die Antwort ist natürlich: Nein. Umgangssprachlich hört man dazu stets: „So etwas hat man eben, oder eben nicht!“

ABER WAS IST DAMIT GEMEINT?

Für jeden Erfolg gibt es so etwas wie eine besondere Leistungsvoraussetzung – ein oder mehrere Talent(e). Aber Talent allein ist noch keinerlei Erfolgsgarantie. Was ist überhaupt Talent? Talente sind besondere Leistungsvoraussetzungen (=Genetik), die durch harte Arbeit (=Umwelt) entdeckt und in eine besondere Leistung (=Erfolg) umgesetzt werden müssen. Warum sind wir genetisch verschieden und wie verschieden sind wir überhaupt?

Individualität ist das höchste Gut, wenn man auf Fragen vorbereitet sein will, die man noch gar nicht kennt, weil sie erst in der Zukunft auf uns zukommen werden. Der Mensch hat aber auch das Recht seine Talente zu ignorieren oder fehlendes Talent durch größeren Einsatz zu kompensieren. Talentiert wird man nicht durch seine Lehrer. Eltern, Lehrer, das Bildungssystem haben die Aufgabe alles daran zu setzen, die Talente in unserer Gemeinschaft zu entdecken und zu fördern. Der Fokus muss auf dem liegen, was der Einzelne besonders gut kann, und nicht auf der ausschließlichen Beschäftigung mit Schwächen. Mittelmaß schafft keinerlei Innovation. Motivation und Risikobereitschaft setzen eine optimale Fehlerkultur im Unternehmen voraus.

Wir müssen unsere Spitzen entdecken und fördern.

Bildungsferne Schichten müssen zur Bildung gebracht werden – nicht um den Durchschnitt zu heben, sondern weil wir es uns nicht leisten können auf die vielen sonst unentdeckt bleibenden Talente zu verzichten. Frei nach dem Motto: Gene sind nur Bleistift und Papier, aber die Geschichte schreiben wir selbst. Man muss es uns nur lassen! Keine Geschichte ist es nicht wert geschrieben zu werden! Wir brauchen Peaks und Freaks!

flatMAG Ausgabe 6
Beitrag aus flatmag, Ausgabe 6. Zum Weiterlesen

MARKUS HENGSTSCHLÄGER PROMOVIERTE MIT 24 JAHREN MIT STUDIENVERKÜRZUNG UND AUSZEICHNUNG ZUM DOKTOR DER GENETIK. DANACH ARBEITETE ER AN DER YALE UNIVERSITY IN DEN USA, WURDE MIT 29 JAHREN AUßERORDENTLICHER UNIVERSITÄTSPROFESSOR UND MIT 35 JAHREN ZUM UNIVERSITÄTSPROFESSOR BERUFEN.

Heute leitet er das Institut für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien und ist auch als Unternehmer in den Bereichen genetische Diagnostik, Forschung und Entwicklung, sowie Innovationsberatung tätig. Der vielfach ausgezeichnete und international anerkannte Wissenschafter unterrichtet seit über zwei Jahrzehnten Studierende, betreut Patienten und berät Regierungen und Firmen. Er ist Träger des Großen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik, sitzt in mehreren Aufsichtsräten und ist u.a. stellv. Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, stellv. Vorsitzender des österreichischen Rats für Forschung und Technologieentwicklung, Mitglied des Universitätsrats der Universität Linz und Leiter des Think Tanks Academia Superior. Hengstschläger ist außerdem Wissenschaftsmoderator auf ORF Radio Ö1 und Autor von drei Platz-1-Bestsellern („Die Macht der Gene“, „Endlich unendlich“ und „Die Durchschnittsfalle“), die auch jeweils zu den beliebtesten Sachbüchern des Jahres gewählt wurden.

(c) Bilder: shutterstock, flattec