Lebens(t)raum Flachdach

Lebens(t)raum Flachdach

Herr Kleboth, Sie sind Architekt und Stadtplaner. Was halten Sie denn von Flachdächern?
ANDREAS KLEOBOTH: Wenn man etwas baut, nimmt man Bodenfläche weg. Es ist natürlich ein alter Traum der Architekten, dass man diese Fläche am Dach wieder zurückgibt. Das heißt: Eigentlich ist die Idee eines Flachdachs dann, wenn es auch verwendet wird, extrem ökologisch und nachhaltig. Wir verbrauchen dann nämlich theoretisch keine Fläche mehr. Aus meiner Sicht ist das Flachdach für den Städter die Möglichkeit, den Freiraum, den die Menschen normalerweise im eigenen Vorgarten im Einfamilienhaus suchen, auch im Stadtraum zur Verfügung zu haben.

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WELCHE AUSDRUCKSFORMEN KENNT DER FREIRAUM, DEN DAS FLACHDACH BIETET?

ANDREAS KLEBOTH: Vielfältige. Man möchte vielleicht, dass etwas wächst. Man möchte Aussicht haben, Luft spüren, Sonne genießen – alles Dinge, die einem Aufenthalt im Freien entsprechen. Und das Dach vermittelt noch etwas, was das Einfamilienhaus mit Grundstück nicht kann: Es vermittelt Überblick. Wenn man am Dach steht, hat man eine bessere Perspektive. Außerdem bin ich tendenziell gegen Einfamilienhäuser, weil sie die Zersiedelung fördern, wo wir doch ei-gentlich vor der Aufgabe stehen, Lebens-räume mehr zu verdichten.

HERR KERN, WIR REDEN HIER VON SEHR EMOTIONALISIERTEN BEDÜRFNISSEN DER MENSCHEN IN EINER TRADITIONELL SEHR TECHNISCHEN BRANCHE.
IST MAN SICH ALS SYSTEMANBIETER IM FLACHDACHBEREICH DIESER ENTWICKLUNG BEWUSST?

THOMAS KERN: Wir sehen uns der Aufgabe definitiv gewachsen und sind auch diejenigen, die diese Entwicklungen federführend vorantreiben. Der Lebensraum Flachdach wird gerade im Stadtgebiet in Zukunft noch stärker zu spüren sein und immer mehr zum Lebenstraum werden. Abgesehen von der Nutzung im Bereich von Urban Gardening oder Urban Farming, gibt es immer stärkere Tendenzen in Richtung Lifestyle. Das hat mit Nachhaltigkeit nicht viel zu tun, ist aber heute einfach überaus beliebt. Ein Motto in Zahlen: 140 m2 Wohnfläche werden gerne mit 120 m2 Terrasse geplant. Wir bieten unseren Kunden die Systeme für diese Bedürfnisse an.

ANDREAS KLEBOTH: Ich würde gar nicht sagen, dass es ein Widerspruch zur Nachhaltigkeit ist. Wenn das Flachdach dazu führt, dass man in der Stadt wohnt, weil man in der Stadt den Komfort eines Hauses im Grünen hat, ist es eine Form von Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit heißt ja nicht unbedingt, dass viele Bäume am Flachdach zu finden sind, sondern auch, dass der Siedlungsraum kompakter bleibt. Die Dachform erlaubt einfach eine hochwertige Verdichtung unserer Städte.

THOMAS KERN: Das stimmt natürlich. Und das gilt nicht nur im städtischen, sondern auch im ländlichen Bereich. Wenn ich nicht ganz in der Peripherie wohne, wo der Quadratmeterpreis sehr gering ist, ist das Flachdach auch am Land ein großes Thema.

IST ES EIGENTLICH SCHWIERIG, NACHHALTIGE FLACHDACHKONZEPTE IN DIE STADTENTWICKLUNG ZU INTEGRIEREN?

ANDREAS KLEBOTH: Das ist eine interessante Frage. Und zwar aus folgendem Grund: Ich kann in einem städtebaulichen Verfahren Vorgaben machen, über die folglich in dem jeweiligen Projekt nicht mehr diskutiert werden kann. Ich kann also etwa sagen, dass Häuser gebaut werden sollen, die 35 Meter hoch sind und deren Dächer alle begrünt werden müssen. Dann kann der Bauträger, Investor, der Architekt oder die Baubehör-de nicht mehr anders, als die Vorgaben einzuhalten. Da kommen wir vom Großen ins Kleine: Denn als Gesellschaft wollen wir auch in Zukunft weiterhin lebenswerte Städte.

 

zum vollständigen Interview (flatMAG 02/2015)